Interview mit Stefan Lange

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Für alle die dein Buch nicht kennen, wieso schreibst du über so ein Thema?

Stefan:
Gute Frage. Das Schreiben war Teil der Therapie. Ich habe also zunächst für mich selbst geschrieben, ohne zu wissen, dass daraus einmal ein Buch werden würde. Erst später ist aus den Aufzeichnungen das Buch geworden. Das Schreiben war für mich sehr heilsam. Darüber zu schreiben hatte also eine sehr praktische Komponente.

Fällt es dir manchmal schwer an diese „Zeit im Buch“ zurück zu denken?

Stefan:
Ja, durchaus! Wenn ich mich sehr intensiv mit der eigenen Geschichte auseinandersetze. Aktuell zum Beispiel. Wir wollen die YouTube-Serie “Komm, lieber Tod”, die auf meinem Buch basiert, mit englischen Untertiteln versehen. Daher schaue ich mir alle Folgen gerade nochmals an und bereite für die Übersetzung sogenannte Transkriptionen des Dialoges auf deutsch vor. Es ist nicht nur schizophren, sich selbst sprechen zu hören, das Problem dabei ist, dass ich – im Gegensatz zum Zuschauer – Bilder vor meinem inneren Auge sehe. Nicht immer angenehme Bilder.

 Kannst du jetzt das Leben genießen?

Stefan:
Teilweise schon, zumindest besser als früher. Als Kind habe ich mich mit Tod und Selbstzerstörung beschäftigt. Dadurch, dass diese Gedanken weitestgehend verschwunden sind, fällt es leichter, sich dem Leben zu widmen und es gibt durchaus Momente, in denen ich das Leben genieße

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 Im Buch beschreibst du, du freust Dich auf den Tod, wenn man diesen Gedanken hat, meinst Du andere Leute sehen einem das an? Wie spreche ich so eine Person am besten an, wenn ich helfen möchte?

Stefan:
Nein, andere Menschen sehen das nicht unbedingt. Es heißt ja so schön, man kann dem Menschen nur bis vor den Kopf schauen und nicht in seine Gedanken hinein. Natürlich sendet man durch sein Verhalten Signale nach außen, aber nicht jeder kann diese deuten. Wenn es jemanden in Deinem Umfeld gibt, von dem du weißt oder ahnst, dass er solche Gedanken hat, dann hilft die direkte Ansprache am besten. Ganz konkret darauf ansprechen, ohne Umschweife! Die meisten Menschen, die Selbstmordabsichten hegen, wollen nicht sterben, sie wollen nur einer ausweglosen Situationen entfliehen und sind verzweifelt, weil sie nicht wissen, wie sie aus der Situation herauskommen können. In vielen steckt die Hoffnung nach Leben oder Überleben. Da kann ein offenes Gespräch, das man als Außenstehender initiiert, sehr helfen! Also keine Angst haben, dass man etwas falsch macht. Einfach ansprechen. Das ist besser als nichts zu tun und wegzuschauen.

Hat dir der Therapeut damals gut geholfen oder was würdest du anderen Menschen empfehlen zu tun?

Stefan:
Es war ein sehr fähiger Therapeut, das auf jeden Fall. Immerhin hat er mich zum Schreiben gebracht. Menschen, die in einer akuter Krise stecken, sind nicht unbedingt empfänglich für Ratschläge. Diese Personen zu erreichen ist nicht unbedingt leicht. Sie lesen auch keine entsprechenden Bücher oder schauen Videos. Wichtiger ist mir, das direkte Umfeld zu erreichen, also Menschen zu ermutigen, auf Betroffene zuzugehen. Die Einsicht, eine Therapie zu machen, kann man nicht erzwingen, aber man kann durch Gespräche die Einsicht fördern, dass es mit Hilfe besser werden kann.
Wie geht es dir heute, wenn du über das Buch sprichst ? Hilft dir das im Leben immer noch weiter darüber zu sprechen?

Stefan:
Irgendwie ist das Buch (das Thema) Teil meines Lebens geworden. Ich beschäftige mich aber nicht 24 Stunden am Tag damit. Dennoch ist es gut, wenn ich sehe, dass ich anderen Menschen helfen und etwas bewegen kann. Das tut gut!

Seit noch nicht langer Zeit gibt es die YouTube-Serie“Komm lieber Tod“, die auf deinem Buch beruht, in der auch oft knallharte Themen besprochen werden, was erhofft ihr/du euch, wenn so viele Zuschauer an Board sind?

Stefan:
Die Serie habe ich mit dem YouTube-Kanal ZQNCE (gesprochen: Sequence) produziert. Wie immer, wenn man eine Botschaft an die Welt hat, ist es positiv, wenn man möglichst viele Menschen erreicht. Die 60-teilige Serie hat bald 1 Millionen Videoaufrufe. Das freut uns sehr.

In einem deiner Videos redest du über Tabletten die du genommen hast, gibt es Tage an denen du das bereust Dich so unter Rausch gesetzt zu haben?

Stefan:
Heute, wenn ich darüber nachdenke, ist es schon heftig, was ich mir in meinem Selbstzerstörungswahn angetan habe. Ich wünschte, ich hätte es nicht getan, aber ich musste es wohl tun, sonst wäre ich heute nicht derjenige, der ich bin.

 Gibt es für dich etwas, was du schon immer allen deinen Lesern sagen wolltest?

Stefan:
Es gibt zwar eine Botschaft in dem Buch, aber jeder Leser ist unterschiedlich. Man muss unterscheiden, wer es liest. Ist es ein Betroffener oder ein Außenstehender? Daher ist es vielleicht schwierig etwas zu sagen, was für alle Gültigkeit hat. Es geht mir um Entstigmatisierung und Enttabuisierung der Themen Selbstmord und Depression. Keine leichten Themen und ich allein kann die Welt nicht davor bewahren. Aber ich leiste einen Beitrag, und das ist auch gut so. .

Vielen Dank für das Interview Stefan!

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Lange liest aus Suicide

Komm, lieber Tod